Dienstag, 17. Dezember 2013

Schleich: Strauß hätte sich am Türstock aufgehängt

Der Kabarettist Helmut Schleich zur Großen Koalition und zu kantigen Typen

Ein weiteres Steinchen aus dem Baukasten Thomas und die Kabarettisten. Ehrlich gesagt hatte ich Helmut Schleich nicht so richtig bis überhaupt nicht auf dem Schirm. Dann schickte mir der Verlag eine Ankündigung zu "Franz Josef Strauß - Mein Tagebuch von 1988 bis heute" zu und mein Interesse war geweckt. Nachdem ich das Buch dann gelesen hatte, wollte ich auch den Co-Autor befragen. Immerhin war FJS ein Pol in der Geschichte meiner Generation, eher so eine Art Anti-Pol. Die Liste seiner Missetaten und verbalen Entlgeisung ist sehr, sehr lang. Zuletzt hatte er mit der Festlegung auf Wackersdorf als Standort für eine Wiederaufbereitungsanlage nicht nur der Oberpfalz den Krieg erklärt. Auf der anderen Seite hatte gerade der Sozi-Hasser Strauß der DDR einen Milliardenkredit verschafft, der das System auf Jahre hinaus wieder stabilisierte. Und Strauß war der erste Politiker, der sich mit dem Kürzel FJS als Marke installierte
Zum 3. Oktober, dem 25. Todestag von FJS klappte es mit dem Interview nicht. Alles kommt zu dem, der warten kann. Die Verzögerung erwies sich als die Gnade des späten Gesprächs, denn in der Zwischenzeit hatten sich durch die Geschehnisse so viele Anknüpfungspunkte ergeben, dass das Interview dann fast von selbst lief. Das Gespräch fand im Dezember 2013 statt.

Herr Schleich, hätte Franz Josef Strauß seinen Segen zu dieser Großen Koalition gegeben?
Wohl kaum. Er hatte ja seine Probleme mit den Sozialisten, obwohl er von 1966 bis 1969 selbst Minister in einer großen Koalition war. Aber den Mitgliederentscheid bei den Sozis, denn hätte er nicht mittragen können. Das wäre, als ob der Schwanz mit Hund wedelt. Bei der CSU dürfen die Mitglieder nur über die wirklich wichtigen Dinge entscheiden dürfen wie “Helles oder Weißbier, Leberkäs oder Fleischpfanzerl?”.

Ist Sigmar Gabriel nach seinem Ausraster gegen heute-Moderatorin Marietta Slomka ein würdiger Nachfolger?

 Nein, da gehört noch mehr dazu oder wie Franz Josef Strauß sagte: “Nur weil einer keinen Hals hat, hat er noch lange nicht meine Kragenweite”.

Wie sind Sie zu dieser Figur gekommen? 

Alles fing an, als der Stoiber nicht nach Berlin gegangen ist. Da tauchte die Frage auf, was FJS wohl über seine Nachfolger denken würde. Auf dem Nockherberg 2010 stellten wir uns dann die Zusatzfrage, was Strauß zu den aktuellen Ereignissen sagen würde. Somit war der Grundstein zum Buch gelegt, das wir dann zum 25. Todestag veröffentlicht haben.

Vom Original kaum zu unterscheiden: Helmut
Schleich als FJS. Foto: Büro Bachmeier 
Was reizt sie so am Strauß?

Je kantiger der Typ ist, umso interessanter ist er und umso einfacher ist er auch darzustellen. Aber erst der Blick nach rückwärts macht den Strauß zum kantigen Typ. Jüngere Zuschauer, die Strauß nur von youtube her kennen, sagen mir oft, dass sie ihn gar nicht so markant finden und dass ich viel witziger bin. Aber das ist ja auch die Aufgabe der Kabarettisten, mit Zuspitzung und Übertreibung den Kern eines Menschen herausarbeiten.

Laufen Sie nicht Gefahr bei solch einer dominanten Persönlichkeit hinter der Figur zu verschwinden?

Nein, gar nicht. Franz Josef Strauß ist ja nur einen Figur in meinem Programm. Außerdem steckt in dieser Figur mehr Schleich als Strauß. Ich habe also gewissermaßen eine feindliche Übernahme vollzogen.

Warum betreiben die Bayern solch einen Kult um Franz Josef Strauß?

Kult würde ich es nicht nennen. Wir haben nur das Andenken an den ehemaligen Ministerpräsidenten kultiviert, so wie wir den König Ludwig kultiviert haben. Aber das ist nicht so ernst gemeint. Wir Bayern spielen eher mit diesen Thema. Dieser Umgang mit der Obrigkeit ist eine gewisse katholische Tradition und es kommt gleichzeitig aus dem Wirtshaus. Da wird auch jede Menge geblödelt. Ich denke, dass gibt es im Norden auch, nur eben mit anderen Figuren.

Also ist die Faszination der Figur FJS nicht nur auf dem Süden begrenzt?

Nein, die funktioniert im Norden genauso. Ich war im November auf Tournee im Norddeutschland Hamburg. Jeden Abend war es ausverkauft und es gab jede Menge Beifall. Aber vielleicht lieben die Bayern den Strauß trotz aller Skandale so sehr, weil er Vitalität, Brutalität und Sentimentalität in einer Person vereinte und damit bayerische Sehnsüchte befriedigte. Keiner verkörperte wie er den bayerischen Drang, immer Erster sein zu müssen, bei gleichzeitiger Sehnsucht nach der guten alten Zeit. Außerdem erfuhr er die Gnade des frühen Todes. Die Auseinandersetzungen um die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf sorgte damals für einen Bürgerkrieg in der Oberpfalz. Ein halbes Jahr nach Strauß Tod hat die Atomindustrie das Projekt fallen gelassen. Da steckte er tief drinnen und es wäre vermutlich der politische Tod von Strauß gewesen. Ich bin mir sicher, dass er die Mehrheit im Landtag verloren hätte.

Dieses Buch ist schuld: Das
posthume Tagebuch. Foto:Verlag
Was denkt Franz Josef Strauß nun über seine Nachfolger?

Ich will es mal diplomatisch sagen: Viele beherrschen ihr Handwerkszeug nicht und für viele ihrer Fehler hätte sich Strauß am Türstock aufgehängt. Die Auseinandersetzungen in der Union, was nun konservativ ist und was nicht, das hätte er auf seine Art beantwortet: Als Konservativer muss man an der Spitze des Fortschritts stehen.

Freut sich FJS, dass die schwarze Fraktion im Himmel mit Nelson Mandela nun eine prominenten Zugang bekommt?

Aus Sicht von Strauß, einem Freund des letzten Apartheid-Präsidenten Botha ist ein Nelson Mandela zwar ein Schwarzer, aber nicht schwarz genug für die CSU.

Zum Abschluss eine ästhetische Frage: Wie kommen Sie an diese scheußlichen Brillen?

Eigentlich darf ich es nicht verraten, aber ich habe Zugang zu den geheimen Vorräten in der bayerischen Staatskanzlei.

Herr Schleich, ich danke ihnen für das Gespräch.

Für die Jüngeren: Franz Josef Strauß bei wikipedia

Für die Leser: Das Buch beim Droemer


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