Donnerstag, 7. Februar 2013

Kienzle: Wir müssen das Risiko aushalten


Wir müssen das Risiko aushalten


Ulrich Kienzle über seinen Versuch, die Araber zu verstehen

Im Dezember 2010 brach der Arabische Frühling aus und die Welt war überrascht. Jahrzehntelang brachte Ulrich Kienzle den Deutschen die Welt des Orients den Deutschen näher.  Im Sommer 2011 kam sein Buch "Abschied von 1001 Nacht - Mein Versuch, die Araber zu verstehen" auf dem Markt. Diese Teilbiographie war kein Beitrag zum Arabschen Frühling, machte aber deutlich, nach welchen Mechanismen  Politik in der arabischen Welt über Generationen hinweg funktionierte.
Im deutschen Herbst 2011 ging Ulrich Kienzle auf Lesereise und als ich das Angebot bekam, eine Telefoninterview mit ihm zu machen, sagte ich natürlich sofort: JA, aber gerne doch. Immerhin gehört auch Kienzle zu meinen Vorbilder. Das Gespäch dauert eine gute halbe Stunde, verlief sehr stringent und war wohl bepackt mit Informationen und Exkursen, die den Rahmen eines normalen Interviews sprengen würden. Natürlich erinnerte mich der Altmeister auch daran, meine Frage duetlich als solche zu formulieren. Den Satz "Nich Fragen, Kienzle?" konnte ich mir aber verkneifen. Belohnt wurden meine Bemühungen dann mit einer ganz persönlichen Widmung. Seid gewiß,das Buch gebe ich nicht mehr her.

Kienzle war jahrelang Deutschlands
Draht in den Orient. Foto: Verlag
Herr Kienzle, Sie haben ihr neuestes Buch „Abschied von 1001 Nacht genannt. Wer muss hier Abschied nehmen?

Wir haben in Deutschland ein falsches Bild vom Orient, wobei dieses Bild zwei Erscheinungsformen hat. Da ist zum einen der bewundernde Blick auf den Nahen Osten, der zurückgeht auf die Orientfaszination in Europa des 18. Jahrhunderts. Dies hat durch den Kolonialismus im 19. Jahrhundert deutlich gewandelt. Seitdem ist für viele Europäer die arabische Welt gleichbedeutend mit rückständig, gewalttätig und blutrünstig. Der Umgang mit den Getreuen des Gaddafi-Regimes und mit Gaddafi selbst scheint diese Auffassung zu bestätigen. Hinzu kommt in Deutschland eine große Angst vor Islamisten, obwohl die meisten von Uns den Unterschied zwischen islamisch und islamistisch gar nicht kennen.

Gibt denn nicht der Wahlsieg der Ennahdha-Bewegung diesen Befürchtungen neue Nahrung?

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass die Welt islamistischer wird. Aber man kann die Zahlen auch anders lesen. 60 Prozent der tunesischen Bevölkerung denken nicht islamistisch. Aber dennoch löst der Wahlsieg Irritationen aus, denn es schwer verständlich, dass die Islamisten Sieger einer Revolution sind, die laizistisch begonnen hat. Andererseits profitieren die Islamisten nach der Verfolgung durch das alte Regime von ihrem Image als Märtyrer. Zudem hat sich die Ennahdha-Bewegung ganz praktisch um die sozialen Probleme im Land gekümmert.
Aber nach den Aussagen der internationalen Wahlbeobachter sind die Wahlen fair abgelaufen. Allein dass ist schon ein erstaunlicher Vorgang für den Maghreb. Die arabische Welt ist noch immer  keine lupenreine Demokratie. Aber es herrscht nicht mehr die Gewalt und wahrscheinlich müssen das Risiko des neuen Orient ausprobieren. Die moslemischen Parteien müssen nun zeigen, dass sie regieren können. Das größte Problem wird dabei die enorme Arbeitslosigkeit sein. Schauen Sie, die Türkei hat sich ja auch weiterentwickelt.

Wo sehen Sie die Parallelen zur Türkei?

Am Beginn seiner Regierungszeit war Ministerpräsident Erdogan vielen Politikern im Westen suspekt. Bei einigen stand er unter dem Verdacht des Islamisten und vielleicht war das auch. Aber die Türkei ist in der Region in einiger Hinsicht ein Vorbild. Und ich denke, dass die türkische Politik gar nicht so sehr nach Europa schauen wird, sondern in den Nahen Osten. Wie gesagt, die Türkei ist ein Vorbild für viele Staaten in der Region und als Brücke zur islamischen Welt auch ein Gewinner der Entwicklung. Israel hingegen ist nun in einer schwereren Lage, denn die Regierungen der zukünftigen arabischen Demokratien werden sicher in der Israel-Frage auch den Druck der eigenen Bevölkerung verspüren.

Welcher der arabischen Staaten hat ihrer Meinung nach die besten Chancen?

Wenn man nur die ökonomischen Daten schaut, dann hat Libyen die besten Chancen, denn es verfügt über enorme Ölvorräte. Aber Libyen ist ein Sonderfall, denn es ist im Grunde genommen ein Gespensterstaat ohne organisierte Verwaltung. Muammar al-Gaddafi hat seine Macht auf wenige Stämme begründet und er hat sich selbst und auch wohl überlegt immer als der „erste Bruder“ bezeichnet. Und da ist zum Anderen das Problem, 40 verschiedene Milizen unter Kontrolle zu halten. Wenn ich an den Tod Gaddaffis denke und an das Massaker unter seinen Anhängern, dann habe ich schon Zweifel am rechtsstaatlichen Handeln der neuen Führung. Auch die Zurschaustellung der Leichen scheint alte Vorbehalte zu bestätigen. Aber einen Hoffnungsschimmer gibt es immer.

In ihrem Buch schildern sie die Niederschlagung der Brotunruhen auf dem Tahrir-Platz in Kairo 1977, die sie aus nächster Nähe miterleben haben. 34 Jahre später siegt die Revolution in wenigen Wochen. Was sind die Unterschiede?

Als die Demonstranten den Tahrir-Platz besetzten, sagte ich zu meiner Frau, dass der Aufstand wohl wie 1977 schon in wenigen Tagen beendet sein wird. Aber wir müssen unsere Vorstellungen ändern. Wir haben es in der arabischen Welt mit jungen Menschen zu tun, die wollen das die islamische Welt den Anschluss an das 21. Jahrhundert schafft. Und diese jungen Menschen wollen das selbe wie wir Europäer, nämlich Freiheit, Menschenrechte und Demokratie, und sie wollen sichere Lebensverhältnisse. Ich war selbst ein wenig erstaunt, denn schauen Sie mal, Aiman al-Zawahiri, die Nummer Eins der al-Quaida, hat 30 Jahre lang versucht, das Regime von Mubarak zu stürzen und es nicht geschafft. Die jungen Menschen vom Tahrir-Platz haben dies innerhalb von 18 Tagen geschafft.

In ihrer Autobiografie schildern Sie, wie die ägyptische Regierung 1973 ihre Berichte aus dem Yom-Kippur-Krieg einfach weggeschlossen. Ist das heute noch möglich?

Nein, das ist schon technisch nicht möglich. Damals mussten die Filme noch ausgeflogen werden, heute gibt es lauter Satelliten für die Übertragung. So hat al-Dschasira viele Verkrustungen aufgebrochen. Der Sender hat sicherlich auch umstrittene Seiten, aber er hat doch für ein gr0ßes Bedürfnis nach Information und Transparenz in der Region gesorgt.

Herr Kienzle, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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